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Christian Malycha
Der Einbruch der Welt und die innere Erfahrung.
Kerstin Wageners home
song
Inmitten der Spannung von einer harschen Außenwelt, einer rauen
Wirklichkeit
und der scheinbar geborgenen Innenwelt der eigenen Wohnung oder eines
Interieurs arbeitet Kerstin Wagener. Bewußt begibt sie sich mitten
in den Aufruhr
zwischen bedrängender Werbung, Konsum und Krieg auf der einen, entrückter
Ruhe und schützender Zurückgezogenheit auf der anderen Seite.
In der “Durchdringung von Außen und Innen“ entstehen
ihre Bilder und plastischen
Objekte und halten sich dort.1
Bedenkt man die lange Tradition der Interieurmalerei, wird offenbar, daß
sich der
Aufeinanderprall von Öffentlichem und Privaten, von Natur und Kultur,
von
unmittelbar Erfahrenem und versetzt Erinnertem – und sei es in einem
Zimmer
mit Ausblick – mehr in der Vorstellung oder Empfindung vollzieht.
Wie eine
zwischen Außen und Innen gezogene Folie spannen sich Kerstin Wageners
Bilder
auf eben dieser Grenze als bildhafte Vorstellungen oder mentale Projektionen
auf. Doch handelt es sich um eine nur vermeintlich gefügige Welt.
Dem
vertrauten In-der-Welt-sein haftet etwas Unheimliches an. Man fühlt
sich weder
geborgen noch zuhause. Wohnzimmer, Küche, Bad werden zu unheimlichen
Orten, an welchen das Nicht-Geheure hervorbricht und sich mit einem Mal
das
Zuhause zum “ Un-zuhause“2 wandelt.
Das Heimliche oder Heimische besitzt dabei den eigentümlichen Charakter,
“seine Bedeutung nach einer Ambivalenz hin [zu entwickeln], bis
es endlich mit
seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt. Unheimlich ist irgendwie
eine Art
von heimlich“3, wie Sigmund Freud in seinem Aufsatz über DAS
UNHEIMLICHE
schrieb, – und umgekehrt. Etwas Vertrautes wird verhüllt, verschüttet
und
entstellt, etwas Verdrängtes, Fortgeschobenes bricht unmittelbar
ins Offene
hervor. Dieses ambivalente Ineinanderfallen des Heimlichen mit dem
Unheimlichen entspringt im Ganzen einer zutiefst romantischen Auffassung
von
Welt, wie sie auch Joseph von Eichendorff mit “Schläft ein
Lied in allen
Dingen,/die da träumen fort und fort,/und die Welt hebt an zu singen,/triffst
du
nur das Zauberwort.“ dichtete.
Vor Kerstin Wageners HOME SONG stellt sich dieses Moment des Ineinandergehens
von Erfahrung und Erinnerung ebenso stark ein. Ein Bild, über welches
sie sagt,
daß “man zuhause sitzt und ein Lied über die Welt singt
und die Welt mit einem
Lied über einen selbst antwortet“. Man ist einem hochaufragendem
und weit
ausladendem Triptychon gegenübergestellt und blickt in den Innenraum
einer
verkehrten Welt, die buchstäblich Kopf steht. Ein Bett mit Überwurf,
ein Sofa mit
farbig gemustertem Stoff, ein unscheinbarer Beistelltisch sowie eine Gitarre
in
der Zimmerecke sind auszumachen. Die Farbigkeit ist verhalten bunt, wird
jedoch
merklich durch die karg geweißten Wände gehoben.
Motivisch hält die fotografische Vorlage des Innenraums die drei
Tafeln des Bildes
zusammen, selbst wenn sie in den Raum geklappt sind. Von einem grünen
Bettlaken in der linken oberen Ecke aus, entwindet sich ein verschlungenes
und
ebenso grünes Linienpaar, welches das Interieur in Bewegung bringt
und sich mit
weiteren Linienzügen und Schnörkeln verbindet, die sich vom
Motiv ablösen, es
überdecken, bald wieder freigeben oder flächig zerfließen.
Auf die rechte Tafel
setzt Kerstin Wagener eine unscharfe, zu einem raschen Schwung verzogene
Dopplung des Mobiliars aus dem oberen Teil, die nach links unten hin in
gestisch
verstrichene Lasuren und Flecken ausläuft. Diese weißlich grauen
Passagen
dienen ihr sowohl als Anfangs- wie als Schlußfigur des Bildes, das
sich zirkulär
faßt und bei aller Raumtiefe mit verwobenen Überblendungen
eine Fläche
umschließt.
Unentwegt stößt man auf die Spuren ihres Kratzens in den vorgedruckten
Grund,
des Auswischens der Pinselzüge und des erneuten ’Behängens’
des Bildes mit
Farblagen und ornamentalen Farbbändern. Kerstin Wageners bildnerisches
Möblieren erzeugt eine befremdende Kompliziertheit zwischen den Dingen
–
seien es nun Motive oder bloße Farbe. Lustvoll konfrontiert sie
die mitunter krude
ins Bild gestellten Bruchstücke und es gelingen ihr aufregende Unterbrechungen
wie unerwartete Fügungen. Zwar paßt das Interieur von HOME
SONG nicht mehr in
die herkömmliche Raumlogik, doch entsteht mit jedem neuen kreisenden
Blick
eine Art bildlicher Logik, die aus den gegenstrebigen Bewegungen einen
nichtnarrativen Strudel hervorbringt – das eigene Wohnzimmer wird
fremd und
mit den gemusterten Stoffen der Möbel und den Farbzüge zu einer
ungeahnten
Bildtextur.
Zu dieser Textur treten, hängen oder stehen nun einige plastische
Objekte im
Raum, die sich in der Betrachtung mit dem Bild verbinden wie ein verschrobener
Kronleuchter aus zerbeulten und zerschmolzenen Plastikflaschen als schillernden
Glühbirnen oder eine aus Zeitschriftenausrissen verklebte Gitarre,
die ihrem
Gegenstück im Bild keineswegs spiegelbildlich entgegensteht. Wie
die
fotografischen Vorlagen in ihren Bildern, stellen auch diese Objekte für
Kerstin
Wagener Störungen oder Störkörper dar, auf welche sie malerisch
und plastisch
reagiert. Es sind ’Interventionen’, die ihr selbst dazwischenkommen
und in der
Folge auch weiter dazwischen stehen bleiben. Von Ferne erinnert dies an
Kurt
Schwitters ‘Lieblichkeit des Abfalls’ und was Werner Schmalenbach
dazu
3
bemerkte, gilt durchaus auch hier, denn derartige “Abfälle
[...] gingen, so sehr sie
zu Elementen farbiger Komposition und dadurch gewissermaßen entgiftet
wurden, nicht einfach im Bilde auf. Sie blieben Abfälle und bewahrten
ihr Gift, will
sagen: ihren besonderen Reiz und ihre leise Anstößigkeit.“4
Der Dingreiz bleibt –
als Einbruch der Welt in das Werk. Doch ebenso wie in die Bilder und Objekte
“Wirklichkeit [...] hineinragt“5, wird diese von inneren Erfahrungen
aufgefangen
und in einem bildnerisch durchdrungenen Dazwischen gehalten.
Die in die heimische Stille hereindröhnenden Parolen der Werbung
führen derart
zu Bildern wie der entfesselten Flugschau WAS MACHT DER ROTE BULLE IN
MEINER
KÜCHE?, in welchem ein dichtes Geschwader die Küche durchjagt
und mit den
Errungenschaften der Konsumgesellschaft bombardiert. Jedoch setzt sich
Kerstin
Wagener durchaus zur Wehr, wie DIE RACHE DER KÜNSTLERIN zeigt. Mit
großer
Faszination für science fiction wird das Atelier zu einem Kinderzimmer,
das sie
mit großen Augen durchstreift und Feuerbrand hinterläßt.
Dennoch schlägt diese
’Rache’ zugleich auf die Rächende zurück, die “als
Protagonistin einer eigenen
Geschichte und der Geschichte dieser Zeit versucht, inmitten all der Angebote,
Verbote, Versuchungen, Verpflichtungen und eigenen Unzulänglichkeiten
Identität zu finden“.
Mit nichts als sich selbst und ihrem Ärger an der Welt liefert sich
Kerstin Wagener
den äußerlichen Anstürmen aus. Eine paradoxe Befindlichkeit,
denn alles, womit
man sich gegen das ’Unbehangen in der Kultur’ behauptet, gehört
ebendoch zur
selben. Die eigene ’home zone’ ist stets auch ’combat
zone’. Das, was draußen
bleiben sollte, findet unentwegt andere Wege hinein – etwa durch
das FERNSEHEN,
wo es im Wohnzimmer infernalisch lodernde Bilder entfacht, Soldaten am
Sofa
entlang patrullieren oder sich in der Küche abseilen läßt.
Wie Kerstin Wagener beschreibt, “schaut man in die Ferne und die
Ferne schaut
auf einen selbst. Die Ferne kommt ins eigene Heim.“ Diesem Abgrund,
in
welchen schon Nietzsche blickte6, sucht sie mit Arbeiten wie THE SHELTERED
–
einer unscheinbaren Maske, die ein ungesehenes Antlitz schützend
verbirgt –
oder THE SWITCH – verborgen im Innern eines Panzerwagens –
zu entgehen. Zwar
weiß sie um die Unmöglichkeit dieser romantischen Weltfluchten,
doch ist dies
kein Grund, es nicht immer wieder aufs Neue zu versuchen – und sei
es im Bild.
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1 Dazu William C. Seitz “The
Art of Assemblage“, Ausstellungskatalog des Museum of Modern Art,
New York 1961, S. 9: “the placement, juxtaposition, and removal
of objects within the space
immediately accessible to exploration by eye and hand is an activity with
which every person’s
life is filled, virtually from birth until death”.
2 Martin Heidegger “Sein und Zeit“, Tübingen 1993, S.
189.
3 Sigmund Freud ’Das Unheimliche (1919)’, in “Studienausgabe;
Band IV: Psychologische
Schriften“, herausgegeben von Alexander Mitscherlich, Frankfurt
am Main 2000, S. 250.
2
4 Werner Schmalenbach “Kurt Schwitters“, Ausstellungskatalog
der Kestner-Gesellschaft,
Hannover 1956, S. 6.
5 Carl Schmitt “Hamlet oder Hekuba. Der Einbruch der Zeit in das
Spiel“, Stuttgart 1985, S. 23.
6 Friedrich Nietzsche ’Jenseits von Gut und Böse’, in
“Kritische Studienausgabe; Band 5“,
herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1999,
S. 98: “Wer mit
Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer
wird. Und wenn du lange in
den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
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